Prolog

Containerstapel


Am Anfang war der Stau.


Sie waren schon einige Jahre jeder für sich unterwegs. Sie als Malerin, er mit der Fotokamera, besprachen ihre Arbeiten regelmäßig miteinander, tauschten sich aus, denn Motivwahl, Perspektive, Bildausschnitt, Bildaufbau und vieles mehr sind in beiden Disziplinen Schlüssel zu Qualität. 


Als Stephanie Hartstang und Thomas Hartstang in ihre Wahlheimat Hasselberg zogen, fuhren sie regelmäßig über die A7 durch den Hamburger Hafen – und standen im Stau. So bekamen sie immer wieder unfreiwillig Gelegenheit, den Hafen zu studieren. Diese unglaubliche Betriebsamkeit, das Gigantische der Schiffe und ihrer Ladung, die Verladekräne. Die endlosen Reihen gestapelter Container. In ihren Köpfen formen sich Bilder, es entsteht die Idee zum Dialogbild „Containerstapel“.


Es braucht einige Photowalks im Hafengebiet. Endlich, am 6. Juli 2021, ist es so weit. Thomas findet eine Anordnung von Containerstapeln, die rechts und links einer Laternenstraße in der gewünschten „treppenhaften“ Symmetrie ansteigen.


Zwei Uhr morgens. Thomas befindet sich am Eingang zum Eurogate Container Terminal am Hamburger Hafen. Erhält natürlich keinen Zutritt. So schlägt er sich mitsamt seiner Fotoausrüstung durch das Gebüsch zu einem Maschendrahtzaun. Von da aus macht er das erhoffte Foto.




Stephanie, bei der Nachttour im Hafen nicht dabei, nimmt sich die Basisversion der Fotografie, das sogenannte RAW-Format, als inspirierende Gedankenstütze. Auch wenn die Anordnung der Container in ihrem Aquarell gleich ist – sie interpretiert, variiert, arbeitet das Motiv künstlerisch aus. Farbwahl, Bildgestaltung, Detaillierung, all das entspringt ihrem über die ganzen Zeiten der Staus und Walks im Hafen tagsüber entwickelten Gefühl für die Szenerie. Sie wählt ein Seitenverhältnis von 1:2. Exzessive Farbausprägung im Scheinwerferlicht, Mitteltöne in den dunklen Bereichen. In einer aufwendigen Aquarelltechnik setzt sie Farbschicht über Farbschicht. Platziert Farblinien und -kleckse intuitiv, manchmal sinnlos – mit umso größerer Wirkung. Berücksichtigt die Flächen für Licht. Sie vereinfacht, verfremdet, und es bleibt dennoch vollkommen klar, was dargestellt wird. Keiner der Container ist am Reißbrett entstanden, gar mit dem Lineal gezogen, und doch stimmt die Perspektive. Das ist besonders wichtig für Stephanie, denn nur so entsteht die fantastische Tiefe ihres Werks. Kurz gesagt: Stephanie schafft es, nicht einfach Container-Stapel im Hafen zu malen, sie hebt durch Komposition, Farbe und künstlerische Intention ein nüchternes, industrielles Motiv in eine bildnerisch eigenständige, emotionale, nahezu sakrale Welt.



Thomas sieht das fertige Aquarell, ist einerseits total begeistert, andererseits regt es ihn zum Nachdenken an. Was kann er an seiner Fotografie verändern, damit die beiden Werke nicht nur zusammenpassen, sondern sich idealerweise gegenseitig in ihrer Wirkung verstärken? Künstlerin und Künstler vertiefen noch einmal ihren Dialog ... das Ergebnis: Thomas ändert das Seitenverhältnis ebenfalls auf 1:2, entfernt die Lichtreflexe, die der Maschendrahtzaun bewirkt hat, „säubert“ den Himmel, reduziert die Farbe. Noch ein kritisches Überprüfen. Fertig – das erste Bilderpaar ist geboren. Ihr Signature Dialog.



Jedes Werk soll natürlich auch alleine überzeugen – im Dialog indes entsteht eine ganz neue Ebene, eine besondere Spannung zwischen sachlicher Wirklichkeit und künstlerischer Deutung. Die Fotografie von Thomas wirkt klar, ruhig und präzise. Sie zeigt die Container in ihrer realen, konstruierten Ordnung. Linien, Wiederholungen und Perspektive treten deutlich hervor. Das Motiv erscheint strukturiert, fast streng, und macht die industrielle Ästhetik des Hafens unmittelbar sichtbar. Das Aquarell von Stephanie verwandelt diese Motivwelt in Farbe, in Atmosphäre. Die Container verlieren ihre technische Nüchternheit und gewinnen an Stimmung und Ausdruck. Durch Licht, Farbe und malerische Verdichtung entsteht eine emotionale, künstlerische Ebene, die weit über das rein Dokumentarische hinausgeht.



Die Bilder erweitern sich gegenseitig: Die Fotografie schärft den Blick für Form und Realität, die Malerei öffnet ihn für Empfindung und Interpretation. So wird aus einem alltäglichen Hafenmotiv eine vielschichtige Erfahrung – zugleich konkret, poetisch, magisch. 


Es ist genau diese Zusammenarbeit an einem konkreten Motiv, die beide begeistert. Ein zweites Sujet soll realisiert werden, ein Sujet, das sie nicht nur schon oft gesehen haben, sondern auch lieben. Die Köhlbrandbrücke in Hamburg.